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In nur fünf Wochen zum NFL-Fan – Teil 4: Die Defensive

Als absolutes Greenhorn ein NFL-Spiel live im Stadion anzuschauen, kann ziemlich verwirrend sein. Ist die eigene Offensive einen Katzensprung von einem Touchdown entfernt, ist es mucksmäuschenstill. Steht aber die eigene Defensive kurz davor, einen einzustecken, ist der Lärm ohrenbetäubend.

Laut und Leise im Football-Stadion

Verkehrte Welt für Fussball-Ohren… aus zwei Gründen: Ersten sollen alle Spieler der eigenen – und keiner der gegnerischen – Offensive den „Snap Count“ hören: das Achtung-Fertig-Los eines Spielzugs. Und zweitens Jubeln die Fans der Defensive einfach lieber zu als der Offensive. Ein Spieler der Defensive verkörpert das Ideal eines Amerikaners, der sein Land mit aller Konsequenz verteidigt. Uns Mitteleuropäer ist dieser Ideal-Ami im besten Fall ziemlich egal. Es reicht, wenn wir in den Spielern das sehen, was sie sind: Sportler, die uns ziemlich coole Plays bescheren… und uns manchmal fast zur Verzweiflung bringen.

Das Ziel der Defensive ist, die Offensive möglichst früh zu stoppen und den Ball zurückzuerobern. Am liebsten gleich ein „Three and Out“. So sagt man, wenn die Offensive gerade Mal für drei Downs auf dem Spielfeld ist und den Bettel schon wieder hinwerfen muss, weil die Defensive ihr kaum ein Yard zugestanden hat, geschweige denn zehn. Schauen wir uns die Männer mit diesem Job etwas genauer an.

Eines vorweg: Die Spezialisierung der Defensive ist vor allem auf das Passspiel ausgerichtet. Sobald ein Running Game läuft, wird’s unkompliziert. Natürlich hat auch hier jeder Spieler seine genaue Aufgabe, aber als Zuschauer braucht man nicht viel von Aufstellung und Taktik zu verstehen ausser: „Alle auf den Running Back!“.

Front Seven und Secondary

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Wie bei der Offensive gibt es auch bei der Defensive ein paar Jungs, die sich direkt an der Line of Scrimmage aufstellen, Auge in Auge mit dem Gegner. Der Job der „Defensive Line“ ist es, den Quarterback zu jagen und am besten zu Fall zu bringen, bevor er einen Pass spielen kann. Dieses Tackling nennt man dann einen „Sack“, es ist die wichtigste statistische Grösse der Defensive Line – und einer der Plays, die uns Fans Jubeln lassen.

Hinter der Defensive Line stehen die „Linebacker“. Sie sind die, die den Spielzug blitzschnell lesen und sich entscheiden müssen: Stürz ich mich ins Getümmel, um die Defensive Line zu unterstützen, oder decke ich einen Wide Receiver oder Tight End?

Defensive Line und Linebacker stellen die „Front Seven“. Es gibt Teams, die treten mit vier Lineman und drei Linebacker an [4-3 Fromation], andere genau umgekehrt [3-4 Formation]. Diese strategischen Finessen sind als Zuschauer aber kaum zu erkennen, wir brauchen darauf nicht weiter einzugehen.

Die verbleibenden vier Spieler der Defensive, genannt „Secondary“, sind für das grosse, weite Feld zwischen Line of Scrimmage und Endzone zuständig. Die Cornerbacks sind die Manndecker der Wide Receiver. Die Safeties sind – wie der Name schon sagt – die Absicherung nach hinten, die Liberos quasi.

Big Plays der Defensive

American Football lebt von den „Big Plays“, von den Kunststücken einzelner Spieler. Zugegeben, nicht ganz so filigran wie ein schönes Dribbling im Fussball, aber mit WOW-Effekt. Die Big Plays der Defensive sind dabei ebenso attraktiv wie diejenigen der Offensive, die wir letzte Woche angeschaut haben. Hier die drei, an denen du am meisten Freude haben: wirst:

  • Sack:
    Der „Sack“ wurde weiter oben schon beschrieben, hier ein Müsterchen. Die Spieler, die darauf spezialisiert sind, den Quarterback unter Druck zu setzten, heissen „Pass Rusher“. Sie sind heute die bestbezahlten Spieler der Defensive. Machen sie ihren Job richtig, kann der Quarterback seinen Pass nur unter Stress oder gar nicht werfen und die gegnerische Offensive wird fehleranfällig und kommt nicht vom Fleck.
  • Forced Fumble:
    Es ist das eine, den balltragenden Spieler der Offensive zu Boden zu bringen. Es ist etwas anderes, ihm den Ball aus den Armen zu schlagen. Lässt der balltragende Spieler den Ball fallen, bevor er mit Ellbogen, Knie oder Füdli am Boden ist, nennt man das einen „Fumble“. Der Ball ist danach frei und kann von allen Spielern gefangen bzw. aufgeboben werden. Die Defensive kann nun versuchen, dieses „Fallenlassen“ zu forcieren. Wenn sie sich den Ball dann auch noch unter den Nagel reissen kann, heisst das „Fumble Recovery“. Das geht zum Beispiel so.
  • Interception:
    Bälle fangen ist eigentlich die Spezialität der Wide Receiver. Es gibt aber Cornerbacks und Safeties, die ziemlich gute Hände haben und den einen oder anderen Pass abfangen. Passiert das, bricht bei der Offensive Panik aus… sie müssen nun plötzlich Defensivarbeit verrichten und die Defensive daran hindern, selbst einen Touchdown zu scoren. Kann ein Defensivspieler den Fall abfangen und in die Endzone tragen, nennt man das einen „Pick Six“. Pick für den abgefangenen Pass, Six für die Anzahl Punkte, die das Team für den Touchdown kriegt. Und so geht das.

Du weisst nun, wie Offensive und Defensive funktionieren, hast ein paar Fachwörter gelernt und kennst (hoffentlich) die wichtigsten Spieler deines Teams. Eigentlich wärst du gerüstet, bei deinem nächsten Trip in die Staaten in eine Sportsbar zu sitzen, Burger und Bud Light zu bestellen und dir einen gemütlichen Sonntag zu machen. Das einzige was fehlt, sind ein paar Football-Spezialitäten, mit denen du sogar den einen oder anderen Ami beeindrucken kannst. Diese schauen wir uns nächste Woche im letzten Teil unserer Serie an.

 

In nur fünf Wochen zum NFL-Fan:
1. August       Teil 1: Die Voraussetzungen
8. August       Teil 2: Die Grundregeln
15. August    Teil 3: Die Offensive
22. August    Teil 4: Die Defensive
29. August    Teil 5: Special Teams und Special Plays

 

Simon Stalder

Brauchte auf einer USA-Rundreise mal schnell ein paar kurze Hosen… und ist seither völlig irrationaler Fan der Chicago Bears...! Grösster Erfolg als Fan: YB Schweizer Meister 1986. Grösstes Ereignis als Fan: Chicago Bears vs. Tampa Bay Buccaneers im Londoner Wembley. Grösster Erfolg als Sportler: Finisher GP Bern 2013.

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